Perspektiven

Auszug aus einem Interview

Anna, 23, Berlin, Schauspielerin

„Wenn ich auf eine Bühne gehe, ein Stück spiele oder auch probe, ist es eine der ersten Übungen, dass man durch den Raum geht und sich alles anguckt. Man guckt, wo stehe ich, an welcher Stelle im Stück stehe ich da oder dort, was gibt mir der Raum. Der Text ist auch wichtig, welche Haltung muss ich einnehmen, welche Perspektive nimmt die Figur ein. Man muss auch manchmal im Text suchen und auch mal Sachen reininterpretieren, da es sich nicht so offen darstellt, man hat ja selber den Interpretationsfreiraum und ich sage mir, die Rolle nimmt in dem Moment diese Haltung ein – diese Perspektive.“

Das sind ja zwei ganz wichtige Punkte. Wenn du dann durch den Raum gehst, du betrittst ja gezielt die Bühne, und in dem Moment, wenn du die Bühne betrittst, da verändert sich sofort etwas für dich?

„Es ist nur eine sehr wichtige Übung beim Schauspiel, eine der Grundlagen. Einen Raum wahrnehmen, es ist auch eine gute Art, aufzuwärmen für eine Probe. Dass man sich selber im Raum sieht, sich nicht beobachtet, aber erfährt, dass dort eine Ecke ist und dort eine Tür, da steht ein Tisch… damit, wenn man zum Beispiel improvisiert, das alles in sich abgespeichert hat, damit man nicht plötzlich gegen den Stuhl rennt oder…oder man muss gerade gegen den Stuhl rennen, weil es vielleicht lustig ist…“

 

Über die Arbeit

Als Fotografin wechsele ich regelmäßig die Perspektive, wobei dies zunächst meine örtlich-räumliche Position meint. Ich treffe die Entscheidung zur Positionierung sowohl spontan als auch bewusst, aufgrund von Erfahrungen. Für mich hat es auch etwas Skulpturales, die Sache von verschiedenen Seiten zu betrachten und zu bearbeiten. Der Standpunktwechsel führt zu jeweils verschiedenen Ausgangspositionen. Im übertragenen Sinn sind diese vergleichbar mit den verschiedenen Verständnissen vom Begriff Perspektive. Schon in der Wortherkunft ist diese Mehrdeutigkeit angelegt – Perspectare bedeutet ja „durch etwas hindurchsehen, etwas genau ansehen“ – obwohl er Jahrhunderte lang als Begriff nur im räumlichen Sinn in der Kunst gesehen wurde. Aber auch so stellte er eine Erweiterung dar, weil die Perspektive die dritte Dimension dazu fügte.

Ich stelle mir die Frage, inwieweit andere – Künstler, Schauspieler, aber auch Menschen mit ganz anderen Hintergründen – diesen alten Begriff aufgreifen und ihn erweitern. Zum Beispiel in Gedanken einen Übergang vom gegenständlichen Raum in den geistigen, den philosophischen, den politischen Raum schaffen, sie Visionen von der Gesellschaft haben, Positionen beziehen, aber z. B. auch mit Gesten, wie im Schauspiel als einer Form von Rollenspiel im Raum.